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Über meine Bilder
Die Landschaftsmalerei hat eine lange Tradition. Ihr heute nachzugehen
mag auf den ersten Blick anachronistisch scheinen, enthielte sie nicht
eine sehr moderne Komponente: Immersion – die Erschaffung virtueller
Realität, also den „Eintritt des Betrachters in den Bildraum”.
Hieran arbeite ich auf meine Weise.
Ab Mitte der 90er Jahre setzte ich mich vor allem mit der Malerei des
Tachismus/Informel auseinander. Meine Landschaften sollten nicht
aussehen wie Strich für Strich gemalt, sondern wie „einfach
passiert”. Ich vermied den Pinsel und arbeitete mit vom Zufall
abhängigen Prozessen. Durch den aquarellartigen, lasierenden
Farbauftrag entstanden dichte, aber Licht durchlässige Strukturen.
Sehr oft malte ich Wasser. Es bietet die Möglichkeit, gespiegelt
auch Teile der Umgebung abzubilden, die sich außerhalb des
eigentlichen Bildraums befinden, z.B. Himmel oder Baumkronen.
Ende der 90er-Jahre entdeckte ich die Möglichkeiten des Computers
für mich und übertrug das Verfahren des „composing” unter
Verwendung figürlicher oder architektonischer Zitate auf die
Leinwand (Reihe „Recycling”).
Unter dem Eindruck des 11. September und der sich anbahnenden Kriege in
Afghanistan und im Irak verwendete ich vermehrt Zitate aus Pressefotos.
Es entstand eine Reihe von Bildern, deren Inhalte u.a. auch eine
christliche Lesart haben (Reihe „Erscheinungen”
bzw.
„com-passion”). Zusammen mit einer Serie von Zeichnungen und
den Arbeitsskizzen wurden diese Bilder mehrfach ausgestellt
(Kunstverein Feucht, „No War”, 2003; Galerie Maendl-Lawrance,
München „Erscheinungen – Appearances”, 2003; Akademiker-Centrum
der Erzdiözese München und Freising, München,
„com-passion”, 2004).
Ein zentraler Punkt meiner Arbeit ist die Erweiterung des Bildraums.
Die Projektion des Umraums auf die Fläche macht eine mehr oder
weniger illusionistische Malweise erforderlich. In der Raumauffassung
Bonnards und in C.D. Friedrichs hyperbolischem Schema habe ich wichtige
Anregungen gefunden (s. Bild „Das
Große
Gehege”
nach C.D. Friedrich).
Mein Malstil hat sich weiter entwickelt zu realistischerer
Ausführung unter Beibehaltung des lasierenden Farbauftrags. Die
neueren Landschaften haben reale Motive sowie eindeutigen Bezug zur
Gegenwart. Ausgehend vom „Großen Gehege” entstanden 2007–2008 die
Bilder „Landebahn”, „Nahe
Wüsthausen”, „Jakobsleiter”
und „In
Maiers Garten”. Hier ging es darum, möglichst viel Information
über den Umraum wiederzugeben. Mit Weitwinkeloptik, hyperbolischem
Schema, (Licht-) Perspektive und Format (je 160 x 110 cm) wird ein
starker räumlicher Eindruck erzeugt. Der Schatten eines zur
Landung ansetzenden Flugzeugs bzw. der Rückspiegel bei „Nahe
Wüsthausen” geben Auskunft darüber, was sich hinter dem
Betrachterstandpunkt befindet. Aus dem „Eintritt des Betrachters in den
Bildraum” wird ein „Ausgreifen des Bildraums auf den Betrachter”.
In den neuen Arbeiten aus
dem
Jahr
2009/2010
ist die herkömmliche Perspektive aufgegeben. Inspiriert
von „Google Maps“ wird stattdessen meist eine starke Draufsicht
gewählt. Die Figuren stehen an Abgründen, sie stürzen,
fliegen, fallen oder tauchen. Sie sind häufig in
Rückenansicht dargestellt, was zu einer stärkeren
Identifikation des Betrachters mit der abgebildeten Person führt.
Jedes Bild ist die
sehr persönliche Auseinandersetzung mit einer seelischen
Befindlichkeit und als Parabel zu verstehen – dennoch gibt es
Parallelen zur gesamtgesellschaftlichen Situation.
com-passion – Einführung von
Barbara Steinherr
MA, 27.02. 04
com – passion: Der Künstler Gerhard Knell
wählte für
seinen Ausstellungstitel bewußt die Schreibweise mit einem
Trennungsstrich zwischen den beiden Wortteilen com- und -passion,
betont dieser doch das, was bei der compassion oder Compassio passiert:
Die passio, das Leid oder das Leiden einer einzelnen Person, das diese
in ihrer tiefsten Seele und Persönlichkeit erschüttert und
das niemals wirklich geteilt werden kann, wird begleitet von einer
zweiten Person die Com-Passio, Mit-Leid empfindet, also mit – leidet.
Und zwar im positivsten Sinne, scheint doch das Wort „Mitleid“ heute
allzu oft negativ besetzt zu sein, nämlich durch ein
Ungleichgewicht zwischen Leidendem und Mitleidendem, da der Leidende
oft das Gefühl von Erniedrigung, ja Demütigung erfährt,
wenn er häufig schnell und oberflächlich von einem anderen,
der sich ihm überlegen fühlt, „bemitleidet“ wird. Für
die Fähigkeit des Mit-Leidens – die im übrigen eine zutiefst
menschliche Fähigkeit ist: das Tier empfindet kein Mitleid –
für diese Fähigkeit, ist es aber nötig, dass man
herabsteigt zum anderen, sich auf eine Ebene mit dem Leidenden begibt
und sich nicht über ihn erhebt.
Bereits in der mittelalterlichen Kunst war es ein wichtiges Anliegen,
den Betrachter mit Hilfe möglichst drastischer Darstellungen des
leidenden Christus, beispielsweise den sogenannten
Schmerzensmännern oder Erbärmdebildern zum mit-leiden
anzuregen. Der Künstler Gerhard Knell besitzt die Fähigkeit
und Sensibilität mit-zuleiden, sich mit den Schwachen,
Ausgegrenzten und Leidenden dieser Welt auf eine Stufe zu stellen und
ihr Leid mitzuempfinden. Seine Bilder drücken diese Fähigkeit
aus und sollen doch gleichzeitig auch den Betrachter zur Compassio
anregen.
Gerhard Knells äußerst vielschichtige Ausbildung deckt ein
breites Spektrum an gestalterischen Möglichkeiten ab. Der in Bad
Wimpfen
geborene Künstler machte zunächst eine Ausbildung zum
Druckvorlagenhersteller und zum Schreiner. Ende der 80er Jahre besuchte
er in Nürtingen die freie Kunstschule, in den Klassen Malerei und
Grafik, bevor er Anfang der 90er Jahre nach München ging, um dort
an der Berufsfachschule für Bau und Gestaltung eine Ausbildung zum
Holzbildhauer zu machen. Daran anschließend studierte er an der
Akademie der Bildenden Künste in München bei Herrn Professor
Weißhaar Freie Malerei und Grafik. Die Bandbreite seiner
künstlerischen Ausbildung spiegelt sich in jedem einzelnen Werk
Knells wieder. So sind seine Gemälde und Zeichnungen durch und
durch räumlich gedacht. Knell setzt seine Figuren, wie ein
Bildhauer es tut, bewußt in den Bildraum, in den Raum seiner
Landschaften, wodurch diese wiederum eine großartige
Tiefenwirkung erhalten. Er steht damit im völligen Gegensatz zu
den Malern, die ihre Leinwand ganz als Fläche verstehen und diese
– selbst wenn sie gegenständlich malen – rein durch die
Komposition
von Farbe und Form gestalten.
Von der Landschaftsmalerei kommend begann Knell bereits um die Mitte
der 90er Jahre damit, in seine weiten Landschaften figürliche oder
architektonische Zitate einzubeziehen. Knell selbst spricht von
„Kunstrecycling“, wenn er sich bei den großen Meisterwerken der
Kunstgeschichte einzelner Szenen und Motive bedient und diese – teils
verfremdet – in seinen Landschaften reproduziert. Da findet man in
seinen Bildern vom antiken Tempel über die mittelalterliche
Bauplastik bis hin zu Grünewald, Velazquez, Rembrandt und Caspar
David Friedrich zahlreiche bekannte Motive der großen
europäischen Kunstgeschichte wieder. Unweigerlich fühlt man
sich bei Knells
„Recycling“ an die Idee der „pittura metafisica“ erinnert, der
bedeutenden italienischen Kunstrichtung, die zu Beginn des 20.
Jahrhunderts von dem Künstler Giorgio de Chirico ausging. Die
Künstler der pittura metafisica, also der metaphysischen Malerei,
wollten keine neue Art der Malerei, sondern eine neue Betrachtung der
Dinge schaffen. Um dieses zu erreichen, lösten sie
Gegenstände aus ihren natürlichen Zusammenhängen und
setzten sie in neue Umgebungen und neue Zusammenhänge. Dieses
Vorgehen liegt – bei aller stilistischen Unterschiedlichkeit - auch den
Recycling-Gemälden Gerhard Knells zugrunde. Bekannte Szenen
bekommen in seinen Gemälden neue Zusammenhänge, wodurch es
dem Betrachter
ermöglicht wird, Altbekanntes nun aus neuen Blickwinkeln zu
betrachten.
Basierend auf dieser Technik entstand vor allem seit dem Jahr 2001 eine
Reihe von Gemälden, die Gerhard Knell im vergangenen Jahr in der
Münchner Galerie Maendl-Lawrance unter dem Titel „Erscheinungen –
Appearances“ ausstellte. In diesen Gemälden verwendet Knell nun –
unter dem Eindruck der eskalierenden politischen Situation im Nahen
Osten - keine kunsthistorischen Motive mehr, sondern Ausschnitte aus
aktuellsten Pressefotos. Unter Verwendung modernster digitaler Methoden
stellt Knell Szenen aus Pressefotos zunächst frei, verändert
diese - zum Teil durch Spiegelung zum Teil durch Hinzufügen neuer
Attribute – und setzt sie anschließend mit neuem Bezug in seine
Landschaften. Dabei entsteht das faszinierende, dass diese
realistischen Motive aus den
Fotoausschnitten in ihrem neuen bildlichen Kontext plötzlich einen
augenfälligen Bezug zu bekannten christlichen Themen aufweisen.
Auf einmal erkennt man in einer Familie mit Esel die Flucht nach
Ägypten, in einem laufenden Mann mit erhobenen Händen
Johannes, den Rufer in der Wüste, oder in einer Verhaftungsszene
die „Ecce homo“-Szene wieder. Beeindruckend ist dabei sowohl die
Fähigkeit des Künstlers, in Szenen alltäglichen Leides
christliche Themen wiederzuerkennen, als auch die damit verbundene
Aktualisierung der christlichen Motive. So wird der Betrachter dieser
Bilder geradezu zu einer doppelten Compassio herausgefordert,
nämlich zum einen für das ganz gegenwärtige und
individuelle Elend der Menschen, zum anderen
für die Passion Christi. Die Dramatik, die in den Bildern Gerhard
Knells liegt, läßt sich aber keineswegs nur aus dessen
Verwendung von besonders ergreifenden Motiven ableiten, sondern ganz
wesentliche Bedeutung kommt dabei auch der Gestaltungsweise seiner
Landschaften zu. Das sind keine klassischen Landschaften mit
Bäumen, Feldern und Wiesen. Die sehr expressive Farbwahl der
ineinander verlaufenden Töne suggeriert dem Betrachter in
fernen Horizonten auslaufende Landschaftsräume, die durch ihre
Stille und Weite am ehesten an Wüstenlandschaften erinnern. Oft
scheint vor allem der Himmel nicht nur durch ungeheuere
Naturereignisse, sondern geradezu durch überirdische Gewalt und
Kraft von einem spannungsvollen symbolischen Brennen ergriffen zu sein,
man denke nur an das Feuerkreuz, das die drei Teile des Triptychons aus
dem Jahr 2003 miteinander verbindet. In der Gestaltungsweise seiner
Landschaften bezieht sich Gerhard Knell auf die Kunstrichtung des
Tachismus oder Informel, die in den 50er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts aufkam und sich durch einen sehr spontanen, intuitiven
Farbauftrag durch Schütten, Spritzen und Verlaufenlassen von
Farben auszeichnete. Gerhard Knell selbst beschreibt seine Malweise so:
„Die Landschaftsbilder bilden eine Synthese zweier Widersprüche,
die
mit jedem Bild neu gefunden werden muß: Zum Einen fühle ich
mich der Gegenständlichkeit verbunden und zum Zweiten habe ich
eine
ebenso starke Neigung für alles Chaotische und Ungeordnete. Nach
meiner Ansicht wirkt Natur dort am lebendigsten, wo sie sich
unkontrolliert und wild ausbreitet. Analog dazu und in der
Auseinandersetzung mit der Malerei des Tachismus/Informel hat sich mein
Malstil entwickelt. Alles, was nach Handarbeit und sorgfältigen
Pinselstrichen aussehen könnte, wird möglichst vermieden.
Stattdessen werden aleatorische (d.i. vom Zufall abhängige)
Prozesse herbeigeführt, gesteuert und zum
gegebenen Zeitpunkt unterbrochen...“
In Knells Bildern entsteht durch die Kombination dieser sehr
intuitiven, der abstrakten Malerei nahestehenden Malweise, mit den
kontrastiv dagegengesetzten, geradezu fotorealistischen Motiven aus
Pressebildern eine ganz einmalige und ergreifende Stimmung.
In Vorbereitung dieser Ausstellung entstand im Laufe des letzten Jahres
überdies ein Grafikzyklus mit 14 Einzelblättern zu dem Thema
Compassio, der im Gang des Akademiker Centrums ausgestellt ist und der
wiederum von der Vielseitigkeit des Künstlers zeugt. Auch für
diese Grafiken verwendete Knell Motive aus Pressebildern. Diesmal aber
veränderte er den Arbeitsablauf, indem er nicht mehr Figuren
nachträglich in fertige Landschaften setzte, sondern von den in
Grautönen übertragenen Fotoszenen ausgehend, diesen erst
nachträglich durch rote Farbakzentuierungen räumliche
Bezüge gab. Der grafische Zyklus bedeutet formal eine konsequente
Weiterentwicklung im künstlerischen Werk Knells, so ist die
absolute Reduktion auf nur zwei Farbtöne sowie des Raumes eine
logische Folge aus den in seiner Farbigkeit explodierenden
Gemälden. Nur wer das Extrem schon so weit ausgereizt hat, kann so
sensibel und klug zu einer völligen Vereinfachung kommen, in der
doch die ganze Erfahrung der großen Gemälde steckt. Aber
auch thematisch vollzieht sich hier eine Entwicklung zum
Allgemeingültigen. Hier geht es nicht mehr nur um Motive, die
ausschließlich aus der christlichen Ikonografie stammen, sondern
es geht um menschliches Mitgefühl im Allgemeinen, das sich in
Liebe, Trauer oder Mitleid äußern kann. Zuletzt werden in
dieser Ausstellung noch zwei Leuchtobjekte Gerhard Knells gezeigt. –
Fasziniert von den großartigen hinterleuchteten Fotografien des
amerikanischen Künstlers Jeff Wall, aber auch im Anklang an die
leuchtenden farbigen Fenster gotischer Kathedralen schuf Knell erstmals
im Jahr 2000 für den Internationalen Wettbewerb „Jesus 2000“ eine
beleuchtete Computergrafik mit dem Titel „Intra tua vulnera absconde
me“ (Verbirg in deine Wunden mich), die in New York, Chicago und St.
Louis ausgestellt wurde und dann durch das Museum of Contemporary
Religious Art St. Louis /Missouri aufgekauft wurde.
Dasselbe Motiv taucht noch einmal in dem 2003 entstandenen Kruzifix
auf. Durch zahlreiche Schichten, die Knell über einzelne Motive
wie das Turiner Grabtuch legt, verfremdet er dieses erneut. Die
Kombination des Turiner Grabtuches mit Knells eigenem Gesicht, das
durch zusätzlich darüber gelegte Farbschichten zum Teil einen
vom Schmerz gezeichneten Ausdruck bekommt, versinnbildlicht auf
eindrucksvolle Weise das „Verbirg in deine Wunden Mich“. Gerhard Knell
ist ein Künstler, der sein Handwerk – und zwar
Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes! – gründlich gelernt hat und
inzwischen perfekt beherrscht. Man erkennt dies an seiner
Souveränität und Leichtigkeit, wie er zwischen den
verschiedenen künstlerischen Techniken variiert. Er beherrscht die
tachistische Malweise, die er in seinen Landschaften anwendet, genauso
hervorragend wie die beinahe fotorealistische Technik, mit der er an
die figürlichen Szenen geht. Die Kombination dieser beiden
grundverschiedenen Techniken ist das Besondere an Knells Arbeiten. Aber
auch seine lavierten Zeichnung sowie die rein digitalen Grafikarbeiten
zeigen sowohl sein technisches als auch sein kompositionelles
Können. Die im Akademiker Centrum nun
unter dem Titel com- passion zusammengestellte Ausstellung von Werken
Gerhard Knells zeugt aber - neben allem künstlerischen Geschick –
vor allem auch von Knells großer Sensibilität und
Fähigkeit mit seinen Mitmenschen mitleiden zu können, diese
Fähigkeit verleiht seinen Bildern ihre Beseeltheit. Knell schafft
Kunst nicht nur um der Kunst Willen, sondern aus tiefem menschlichem
Engagement. Eine Tatsache, die bloße Kunstfertigkeit erst zu
wirklicher Kunst macht.
Bildimpuls.de, Patrick Scherrer
2/2005
Vor einem rot-weißen Hintergrund laufen drei
Männer auf den Betrachter zu. Sie tragen eine vierte Person. Die
grauen Gestalten und
die rot eingefärbte irreale Landschaft lassen an eine
Kriegsatmosphäre denken. Die Erde ist vom Blut der Ermordeten
getränkt, der Himmel brennt im Widerschein der vernichteten
Städte. Aus den Menschen ist alle Lebensfarbe und -klarheit
gewichen. übriggeblieben sind schattenhafte, unscharfe Wesen, die
um ihr Leben rennen – und um dasjenige, das sie gemeinsam auf den Armen
tragen. Das Bild erinnert an Fotos aus Kriegs- und
Katastrophengebieten. Es erinnert an das stets neu auf die Menschen
übergreifende Leid durch Menschen- oder Naturgewalt. Die Frage,
die Gott an Kain stellt: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders
schreit zu mir vom Ackerboden“ (Gen 4,10), könnte auch unsere
Frage sein. Die Handlung der Männer wie der blutrote Hintergrund
wecken in mir das Mitleid und die Solidarität. Als Betrachter
werde ich auch dadurch angesprochen, dass die drei Männer mit dem
Verletzten auf mich zulaufen! Die mittlere Person schaut mich an und
ruft mir unhörbar etwas zu. Sie scheinen den Verletzten zu mir aus
dem Bild heraus in die Sicherheit reichen zu wollen, damit ich ihre
helfende Geste fortführe, sie in ihrer Erschöpfung
ablöse ... wie auch immer.
Wir brauchen immer wieder solche oder andere Bilder, die uns aus
unserer Trägheit und Bequemlichkeit aufrütteln, damit wir den
Notleidenden und Armen unter uns nach unseren Möglichkeiten zu
Hilfe eilen – so wie Jesus! Was wir ihnen zu Liebe tun in unserem
Mitleid ist nicht nur Nächstenliebe, sondern konkret gelebte
Gottesliebe. Denn: „Was ihr für einen meiner geringsten
Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) sagt Jesus
in seinem letzten Gleichnis vor seinem eigenen Leidensweg.
Mein Tipp, Süddeutsche Zeitung
01.03.04
Gerhard Knell, Maler
Wenn ich mir mal etwas Gutes tun will, gehe
ich in die Alte Pinakothek.
Im Lauf der Zeit sind mir einzelne Bilder ans Herz gewachsen und die
besuche ich dann und wann. An dem nicht gemalten Handschuh im
Jünglingsportrait von Velasquez kann ich mich einfach nicht satt
sehen und auch nicht an dem kleinen Männerbildnis von Baldung
Grien. Durch die dünne Grundierung schimmert die Holzmaserung und
verleiht dem Hautton beinahe pulsierende Lebendigkeit. Ein Glück,
dass München viele solcher Lieblingsbilder hat, etwa die
Riesenschwarte „Hymnus an Michelangelo“ von Lovis Corinth im
Lenbachhaus. Nicht der gnadenlose Kitsch dieses Blumenbildes sondern
der umwerfende Vortrag lässt mein Malerherz hier höher
schlagen. Bei gutem Wetter kann man hernach seine latte macciato im
ruhigen und sonnigen Innenhof der Glyptothek genießen. Freunden
aktueller Kunst empfehle ich meine Ausstellung „com-passion“. Leid und
Mitleid in Gemälden, Zeichnungen und multimedialen Leuchtobjekten.
Aktuelle Konflikte werden zitiert und in Bezug zur Christlichen
Ikonografie gesetzt. Der Zusammenprall so unterschiedlicher Pole
erzeugt eine vieldeutige Ambivalenz und wirft allerhand Fragen auf.
Reinschauen lohnt sich deshalb auch für Nichtchristen. Zu sehen
bis 16.04.2004 im Akademiker-Centrum, Lämmerstr. 3.
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